Wir werden als Kinder unserer Eltern geboren und jeder Mensch wird eines Tages mit dem Tod seiner Eltern konfrontiert. Unsere Eltern schenken uns das Leben, und wenn sie sterben, übergeben sie uns zugleich den Tod.

Wir sind die einzigen Lebewesen auf der Erde, die ein Bewusstsein darüber haben, dass wir sterben werden. Der Tod ist etwas Natürliches und gehört zum Kreislauf des Lebens. Jeder Mensch kommt auf seine ureigene Weise auf die Welt und so einzigartig wird auch die Erfahrung seines Sterbens sein. Beide Erfahrungen haben vielleicht sogar einen gemeinsamen Nenner? Wie der Anfang, so auch sein Ende? Jeder lebt, erlebt, verarbeitet und bewertet sein Leben mit seinen schönen wie auch schicksalshaften oder traumatischen Ereignissen auf seine Weise. Auch den Verlust eines geliebten Menschen erlebt und verarbeitetet jeder auf seine Art und Weise und bekommt damit eine Bedeutung für sein Leben. Heute werfen wir einen liebevollen Blick auf das Geschehene und uns selbst.

Leben ist Verwandlung

Als Mutter, bzw. Eltern kannst du dich auf die Geburt deines Kindes vorbereiten, viel darüber lesen. Doch wenn es soweit ist, übertrifft es jede Vorstellung. Die Erfahrung ist so allumfassend und geht durch das Nadelöhr mitten ins Leben hinein und niemand kann und wird dir diese Erfahrung abnehmen. Mit dem Sterben und dem Verlust ist es genauso. Dem Tabu-Thema Tod dürfen wir uns nähern. Begreifen wir den Tod als einen Teil von uns, können wir unser Leben tiefer, befreiter und erfüllter erfahren. In jeder Sekunde sterben in unserem Körper Zellen und gleichzeitig entstehen wieder neue. Entwicklung geschieht nicht ohne Krisen und Herausforderungen. Ein bewusstes Heraustreten aus der Komfortzone, ist das JA für Erneuerung und Wachstum, es ist die Evolution des Lebens.

Wenn Eltern sterben

Als meine Freundin noch sehr jung war, verlor sie plötzlich beide Elternteile. Der Verlust war unfassbar schmerzhaft. Heute, Jahrzehnte später, sieht sie, wie viele ihrer Freunde mit dem Thema ihrer sterbenden Eltern beschäftigt sind, häufig über viele Jahre hinweg und der einen Großteil ihres Lebens einnimmt. Wir wissen nicht, wann und wie unsere Eltern gehen und ich bin heute froh, dass ich vorher nicht gewusst habe, was mich erwartet. Ich hatte keine Ahnung.

Ich wusste, dass wenn Kinder auf die Welt kommen, es eine Herausforderung für die Partnerschaft ist und sie dadurch auf völlig neue Füße gestellt wird. Ich hatte jedoch keine Vorstellung davon, dass sich das Gefüge der Beziehung komplett verändert, wenn die Eltern alt und krank werden. Die Aufmerksamkeit, die vorher ungeteilt dem Partner (der Familie, dem Job) galt, fließt nun zu einem großen Teil zu den Eltern. Die Partnerschaft will sich neu ordnen und finden. Gelingt das nicht, geht sie baden. Das war bei uns der Fall und bedeutete einen doppelten Verlust als mein Vater starb.

Selbstbestimmung trotz Demenz?

Heute lebe ich in einer tragfähigen Beziehung und als meine Mutter dement und hilfebedürftig wurde, war Thomas an meiner Seite. Ich durfte eine neue Erfahrung machen, wofür ich unendlich dankbar bin. Er hatte die Gabe, meine Mutter immer wieder zum Lachen zu bringen, wenn mir das Lachen schon längst vergangen war. Er musste gar nichts Besonderes „Machen“. Ich wusste, er war einfach da und seine Anwesenheit gab mir Kraft, wenn plötzlich wieder mal ein Anruf kam und wir handeln mussten; um ihr geparktes Auto zu suchen, weil sie es nicht mehr wiederfand, sie Schlüssel, Handy und Portemonnaie vergaß, wenn sie aus dem Haus ging und hinterher Friseur, Taxi und Schlüsseldienst bezahlt werden musste oder wenn der Notarzt kam… Meine Mutter hatte selbstbestimmt ihr gesamtes Leben gemanagt und als Unternehmerin anderen Menschen gesagt, was zu tun ist. Sie wollte keine Hilfe und keine Unterstützung. Zum Schluss blieb ihr Widerstand gegen die körperliche Pflege als einziges Mittel übrig, um über sich selbst bestimmen und entscheiden zu können. Wie auf einem Drahtseilakt fanden wir jeden Tag aufs Neue heraus was geht und was nicht.

Gewinn Verlust der Selbstständigkeit

Ein Kind, das heranwächst, gewinnt jeden Tag neue Kompetenzen und Möglichkeiten. Ein alternder und kranker Mensch verliert jeden Tag ein Stück von seiner Selbstständigkeit, seinen wertvollen Fähigkeiten und seine Identifikation. Das bewusst wahrzunehmen löst Ängste und Nöte aus, worüber die Betroffenen selten sprechen können. Ich glaube, es ist das schwerste im Alter überhaupt, den eigenen körperlichen und geistigen „Verfall“ bejahend anzunehmen. Wie wertvoll kann es sein, schon heute zu lernen, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Unterstützung und Hilfe anzunehmen ist für manche eine der größten Herausforderungen. Das was wir auf gar keinen Fall wollen ist, auf Hilfe anderer angewiesen zu sein. Das wogegen wir uns am meisten wehren, bekommen wir eventuell im Alter in Reinkultur „aufs Brot geschmiert“ und werden zu einem echten Pflegefall. Als Baby wurden wir versorgt und als Sterbender dürfen wir die Fürsorge, die wir einst gegeben haben, wieder empfangen. Der Kreislauf wird rund. Wir kommen mit Nichts und wir gehen mit Nichts. Dieses „Nichts“ ist unsere tiefste Essenz, sie ist nicht an unseren Körper gebunden und ist frei vom Ego.

Für die Kinder (und Enkelkinder) ist es so unendlich schmerzhaft mit anzusehen, wenn die Eltern (und Großeltern) eines Tages immer weniger werden. Mein Vater war ein großer stattlicher Mann. Er hatte kräftige Hände, richtige Arbeitshände, die im Leben viel geleistet haben. Am Schluss war er durch den Parkinson in einer Embryonalhaltung erstarrt und seine Hände und Füße waren so zart und weich geworden, wie die eines Babys…

Rollentausch und eine neue Form der Kommunikation 

Unmerklich geschieht eine Umkehr der Rollenverteilung. Die Kinder schlüpfen notgedrungen in die Rolle der Eltern und für beide Seiten ist es eine ungewohnte Situation. Als mein Vater (durch die Parkinsonmedikamente) verwirrt war und Dinge verdrehte oder nicht richtig aussprach, war ich geneigt, ihn jedes Mal zu korrigieren und den Sachverhalt richtig zu stellen. Er bekam damit das Gefühl, nicht richtig zu sein. Meine Überheblichkeit beschämte und verletzte seine Würde. Es brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass es viel leichter ist, seine Wahrnehmung zu bestätigen und mit ihm zu schwingen. So entstand wieder Nähe und auch Humor.

Als es bei meiner Mutter soweit war, musste ich diese Fähigkeit wieder neu lernen. Mit ihr fühlte es sich ganz anders an, als mit meinem Dad. Es war gut, mir selbst zuhören, in welchem Ton ich zu ihr sprach und ich habe mich dabei ertappt, wie ungeduldig und harsch ich manchmal über ihren Kopf hinweg Entscheidungen traf. Es muss furchtbar sein, so von seinen Kindern gegängelt zu werden. In Wartezimmern und Krankenhäusern wurde ich ebenfalls immer wieder Zeuge davon, wie die Kinder alles besser wissen und ihre Eltern belehren und kritisieren. Es ist der gleiche Tonfall, den wir als Kind von unseren Eltern gehört haben, es ist eine Endlosschleife in einem unbewussten Modus von Unkontakt und Überforderung.

Wenn es mir gelang, das Gefühl von Eile zu eliminieren und ich mich für die Bedürfnisse meiner Eltern öffnete und liebevoll darauf einging, dann wurde alles so viel leichter. Dann waren wir auf einmal ein starkes Team, indem auch ihre Liebe und Wertschätzung wieder fließen konnte. Ich musste den ersten Schritt gehen und der Kontakt der dann entstand, war heilsam, nährend und kostbar. Es ist ein Geheimnis funktionierender Kommunikation. Wenn ich gebe, was ich mir vom anderen so sehr wünsche, werden Wünsche wahr…

Die Schuldfrage auflösen

Meine Eltern trennten sich als ich 13 Jahre alt war und als mein Stiefvater im Alter schwer erkrankte, gab es eine Aussprache zwischen uns, die mir die Augen öffnete. Er begann sich zu entschuldigen für Dinge die er mir „angetan“ hatte. Doch es war seltsam, wovon er berichtete, war keine Verletzung in mir. Und als ich begann zu erzählen, was für mich schlimm gewesen ist, da hatte er keine Erinnerung mehr daran. Mir wurde klar, wie unterschiedlich wir Dinge erleben und bewerten. Unsere Aussprache relativierte meine Wahrnehmung und den Blick auf die Geschehnisse und ließ uns mit einem Lächeln auseinander gehen. Mit unseren Bewertungen sind wir nicht Opfer, sondern Urheber unserer Geschichte. Mit dieser tiefen Erkenntnis löste sich die Frage der Schuld auf. Ich brauchte nicht länger mehr darauf beharren. Im Teilen unserer Geschichte geschah Heilung. Im tiefsten Kämmerlein darf ich mich ehrlich fragen, ob die Dinge in ihrer Färbung wirklich alle tatsächlich so gelaufen sind, wie es meine Gedanken mir immer und immer wieder erzählen wollen.

Wenn Eltern sterben gibt es auch Versöhnung

Wie verquer und schlimm der Graben von Schmerz und Vorwürfen auch sein mag und uns voneinander trennt, am Ende öffnet sich ein Fenster. Der Tod ist ein Geschenk, eine Art Terminierung Ungeklärtes und Unausgesprochenes zu lösen. Auch wenn du noch überhaupt keine Ahnung davon hast, wie das gehen soll. Sei allein für die Möglichkeit, dass es geschehen kann, bereit…

Die Vorwürfe gegen die eigenen Eltern sind die größten Blockaden für ein erfülltes Leben. Jede Beschwerde beschwert dein Leben. Frage dich, was funktioniert gerade in meinem Leben nicht und analysiere, welcher Vorwurf gegen die Eltern, dem Leben und dem Tod selbst dahinter steckt.

Selbst wenn Eltern sterben, ist es möglich, die Beziehung zu ihnen zu heilen. Es ist nie zu spät. Der innere Dialog kommt unmittelbar an, er kann frei fließen, denn es gibt nichts Weltliches mehr, was dazwischen steht. Wenn du magst, nimm dir Zeit und schreibe einen Brief, den du im Anschluss verbrennen kannst. Das Feuer hilft, unerlöste Energie, Vorwürfe und alles Schwere und Belastende zu transformieren.

Das Tor

Als mein Stiefvater starb, war ich bei ihm. Meine Hand lag auf seinem Herzen und ich konnte spüren, wie das Leben ging. Sein Herz schlug leise, wurde langsamer, zarter und noch leiser, hörte auf, schlug wieder einige Male und so floss auch sein Atem. Ich stand mit ihm gemeinsam an der Schwelle und ich fühlte ein unendliches Empfangen. Dieses Empfangen war die Umarmung grenzenloser Liebe, die alles durchdrang. Im Sterben streifen wir die menschliche Hülle ab und gehen zu dieser unendlichen Liebe zurück die wir immer sind und immer sein werden. Dieser Weg führt uns nach Hause ins Licht. Dies so deutlich zu fühlen, nahm mir meine Angst vor dem Sterben.

Das „Sterben im Kleinen“ können wir bereits zu Lebzeiten üben. Jedes Mal, wenn wir durch einen Schmerz bejahend hindurch gehen, gehen wir durch ein Tor der Erkenntnis und Erleuchtung. Jedes Mal, wenn wir unsere Angst überwinden, wachsen wir über unsere Begrenzungen hinaus. Jeden Abend, wenn wir in den Schlaf sinken, geben wir uns einer süßen Schwere hin und landen durch unser Loslassen im Vertrauen und berühren in unseren Träumen schon leise die Räume der jenseitigen Welt…

Vergebung

Wenn wir mit unseren Gedanken immer und immer wieder in der Vergangenheit verharren, versuchen wir rückgängig zu machen, was geschah, weil wir nicht bereit sind, das was war, zu akzeptieren und daran wachsen zu dürfen. Vergebung bedeutet, jegliche Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufzugeben. Solange du im Vorwurf gegen dich selbst, deine Eltern oder gegen irgend jemand anderes in deinem Leben bist und sagst, „du bist schuld, wie es mir heute geht“ gibst du dem anderen die Macht darüber, wie es dir geht. Vergeben bedeutet loszulassen und endlich deine Power zurückzuholen. Vergebung ist die Sicht auf dich selbst und die Möglichkeit, neu wählen zu können. Es bedeutet, all das schwere Gepäck, was wir die ganze Zeit mit uns herumgeschleppt haben, loszulassen und diesen Rucksack endlich stehen zu lassen, damit du im Hier und Jetzt erfüllt sein kannst. Vergebung bedeutet, dir eine erfüllte Zukunft zu erschaffen. Und ich glaube, es ist wichtig, sich an einem bestimmten Punkt selbst zu vergeben, z.B. der vernichtenden Stimme im Kopf, die irgendwann aufgehört hat, an dich selbst zu glauben, denn wir alle haben die Chance zu wählen, wer wir in Wirklichkeit sein möchten.

Der Tod ist ein Lehrer und Meister

Energie kann nicht sterben. Das Universum ist auf Vollständigkeit aus und der Tod ist ein Teil von Allem. Ich ehre den Tod. Er ist mein Meister und Lehrer. Er sitzt mir wie ein liebevoller Berater auf meiner Schulter und beobachtet mich. Der Tod ist der letzte Liebhaber, der mich umarmen wird. Ich sorge dafür, dass ich mich auf ihn freue. Das tue ich, indem ich mein Leben in Hingabe lebe, mit dem Bewusstsein, dass dieser Moment nie wieder kommt, jeder Augenblick ist eine Kostbarkeit. Wenn wir das Leben beginnen zu lieben, schwindet die Angst. Manchmal betrachte ich das Leben aus der Perspektive von hinten. Wenn ich meinem Berater, dem Tod sage, „Hey, so sieht es im Moment in meinem Leben aus. Wenn wir uns gleich begegnen, sage mir, welche Entscheidung ist die richtige?“ z.B. wenn die innere Stimme sagt: „Oh Gott, ich kann diesen Job nicht aufgeben, ich kann meine Komfortzone nicht verlassen oder diesem Menschen sagen, dass ich ihn liebe“, dann kann ich mutig meinen nächsten Schritt gehen…

Der Weg hat sich gelohnt

Achteinhalb Jahre habe ich meine sterbenden Eltern begleitet und es hat Kräfte in mir mobilisiert, von denen ich nicht wusste, dass sie in mir sind. Diese Kräfte haben mich unmissverständlich auf meine eigenen Füße gestellt. Früher dachte ich immer, wenn beide Eltern gehen, fühle ich mich verlassen und alleine in dieser Welt. Doch es ist ganz anders. Ich fühle Vertrauen, Frieden und Erleichterung. Ihre Essenz ist Zuhause, im Licht des All-Eins-Sein.

Sie sind frei – und ich bin es auch. Ihr Segen und ihre Liebe leuchten in mein Leben.