Unsere Kultur hat uns beigebracht, dass es gut ist, wenn wir jemanden bestrafen, der böse ist. Die Kirche lehrte uns, dass Sünden mit ewigen Höllenqualen bestraft werden. Sie hat Jahrhundertelang dafür gesorgt, dass sich Menschen sündig und schuldig fühlen. Die Auswirkungen sind zerstörerisch – physisch, seelisch und spirituell, wir sind vom Leben getrennt und abgeschnitten.

Walter Wink beschreibt die Negrito, ein Naturvolk in Südostasien. Wenn dort jemand einem anderem einen Schaden zufügt, seine Hühner stiehlt, das Haus des Nachbarn anzündet oder etwas anderes Unrechtmäßiges tut, dann wird die Person in die Mitte eines Kreises gestellt, umringt von den Menschen, die ihn kennen. Sie verbringen einen ganzen Tag damit, dass jeder einzelne aus dieser Gruppe, diesem Menschen sagt, auf welche Weise er sein Leben bereichert hat. Kannst du dir solch einen Umgang vorstellen? Es geht um einen Verbrecher und die erzählen, was für eine Schönheit dieser Mensch in ihr Leben gebracht hat! Diese Kultur glaubt nicht daran, dass jemand böse ist, sondern, dass er etwas böses tut, weil er die Verbindung zu seiner Menschlichkeit verloren hat. Diese Praxis trägt das Menschenbild in sich, dass jeder Mensch wertvoll ist und es unserer ureigenen Natur entspricht, dass wir in Verbundenheit nichts lieber tun, als das Wohlergehen eines anderen zu unterstützen. Die Person, die etwas verbrochen hat, wird an seine Menschlichkeit erinnert, jene Kraft, die in ihm wohnt, die Fülle und Schönheit hervorbringt. Warum sollte jemand auf die Idee kommen, einem anderen Menschen Gewalt anzutun, wenn er wüsste, wie er das Leben für sich selbst und für andere bereichern könnte?

Jenseits von Vergebung

Ein Gefängnis zementiert nur die Vorstellung, dass Menschen böse sind. Viele verurteilte Verbrecher werden nach dem Gefängnis wieder straffällig. Dass es keinen Zweck hat, Menschen zu bestrafen, zeigen Statistiken, seitdem es Gefängnisse gibt. Wir sind so überzeugt von diesem Denkmuster Gut und Böse, Bestrafung und Belohnung, dass wir in Deutschland für einen einzigen Menschen für ein Jahr lang 164.250 € ausgeben, um ihn hinter Verschluss zu halten. Bei einer Untersuchung wurde deutlich, dass bei zwei Menschen, die das gleiche Verbrechen begangen haben, derjenige, der im Gefängnis war, viel rückfallgefährdeter ist als der andere, den man nicht ins Gefängnis steckte. Der einzige Zweck von Haftanstalten ist es, dass sich die Bevölkerung gut damit fühlt, dass der Böse seine gerechte Strafe bekommt. Doch wie sollen sich Menschen sicher fühlen, wenn der Bestrafte irgendwann wieder aus dem Gefängnis entlassen wird? Marshall B. Rosenberg spricht in seinem Buch von der Verwandlung, die HIV infizierte Insassen erfahren, wenn sie eine erfüllende, sinnhafte Aufgabe bekommen. Sie pflegen im Gefängnis auf einer Krankenstation Menschen, die ebenfalls HIV positiv sind.

Vergebung bei sexuellem Missbrauch

Ich erlebe gerade, wie eine Familie förmlich in Entsetzen und hilfloser Wut auseinanderbricht, in der ein jahrelanger sexueller Missbrauch, aufgedeckt wurde. Was steckt hinter einem sexuellen Missbrauch und kann es sein, dass die Bedürfnisse eines Vergewaltigers gar nicht so sensationell sind? Wir Menschen haben alle die gleichen Bedürfnisse. Es geht nicht unbedingt um Sexualität. Es geht eher um das Bedürfnis nach Verbindung, die jemand vergeblich durch Sexualität zu bekommen versucht. In den allermeisten Fällen haben die Vergewaltiger selber irgendwann mal Gewalt oder Sexualmissbrauch erfahren und sie suchen Empathie für das Drama ihres Lebens. Für ihre Wut und für das, was hinter der Wut liegt, nämlich meistens Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Indem sie Macht über eine andere Person haben, bekämpfen sie ihr eigenes Gefühl von Machtlosigkeit. Sie bringen jemand anderes dazu, sich so zu fühlen, wie er sich damals gefühlt hat. Das ist eine sehr destruktive und paradoxe Strategie, aber es geht letztendlich darum, Empathie zu bekommen. Diese Menschen möchten einen anderen leiden sehen, denn sie glauben, der andere kann dadurch ihre Schmerzen nachempfinden. Die Fehler die wir begehen, sind nicht die, die wir sind. Die Wahrheit ist, dass die Liebe in uns ist und immer sein wird. Sie konnte sich nur nicht ausdrücken, weil Schichten aus Angst darüber liegen und uns in ihrer Halluzination gefangen hält. Ich habe die Wahl, ich kann mich auf die Schuld fokussieren und auf diese Weise das Drama festhalten, im gegenseitigen Alptraum von Angriff und Verteidigung. Oder ich kann realisieren, dass die Situation per Definition ja bereits in der Vergangenheit liegt. Selbst, wenn du dich jetzt in diesem Moment so verhältst, kann ich mich immer noch entscheiden und erinnern, dass es nicht der ist, der du eigentlich bist.

Der Unterschied zwischen Schuld und Trauer

Zum Trauern braucht es eine echte Liebe zum Leben. Schuld und Sühne sind meilenweit von Trauer entfernt. Man empfindet tiefe Traurigkeit darüber, dass man mit dem, was man getan hat, nicht dem Leben beigetragen hat. Wenn du mit dieser göttlichen, lebensbejahenden Energie verbunden bist, aber nicht in ihrem Sinne handelst, dann ruft dein Handeln Schmerz hervor. Dafür wirst du dich nicht hassen, sondern trauern. „Ich bin so traurig, warum habe ich nicht anders gehandelt, ich hätte anders handeln sollen.“ Trauer und Schuld unterscheiden sich wie Tag und Nacht.

Vergebung ist ein Wunder der Heilung

Ich vergesse niemals den Moment, wo ich mit dem Auto an einer Kreuzung stand und wartete, dass ich weiter fahren konnte. Die Straße, auf der ich stand, war abschüssig. Ich war in Gedanken und bemerkte nicht einmal, dass mein Fuß von der Bremse glitt und plötzlich machte es „Rumms“. Ich war auf meinen Hintermann gerollt. Adrenalin pumpte durch meine Adern, außer mir vor Schreck, sprang ich aus dem Wagen, innerlich bereit, eine Salve von Vorwürfen zu empfangen. Der Mann, der aus den Wagen stieg, kam jedoch auf mich zu und nahm mich schlicht und ergreifend, in den Arm. Ich war mehr als perplex. Ich hatte jemandem einen Schaden zugefügt und er nahm mich in den Arm und schenkte mir Trost! Wilde Wutausbrüche und Schuldzuweisungen hätten die Situation nicht besser gemacht. Meine Not wurde wahrgenommen, die Trauma-Schleife war unmittelbar unterbrochen. Ein Freispruch aus Liebe von einem Menschen, den ich nicht einmal kannte. Anstatt Strafe, wurde mir Gnade und Glückseligkeit geschenkt. Dankbar erlebte ich diese Erfahrung wie mit einem Vergrößerungsglas. Dieser Mensch hatte in dieser Situation eine neue Entscheidung getroffen und ich begriff die Konsequenz. Vergebung ist ein unmittelbares Wunder der Heilung. Da ist nichts außerhalb meiner Selbst. Es ist nur eine Illusion, dass wir getrennt sind. Du bist in deinem Körper und ich bin in meinem. Doch in der letzten Wahrheit, da gibt es keinen Ort wo du anfängst und ich aufhöre oder umgekehrt. Wenn ich dich angreife, greife ich mich an, wenn ich mir vergebe, vergebe ich dir. Wenn ich nicht friedvoll über dich denke, kann ich keinen Frieden in mir fühlen. Wenn ich die Welt so sehe, dass einer von uns gewinnt, dann wird einer verlieren im Wettbewerb. Gebunden im Glauben von Knappheit, Mangel und Schmerz. Wenn ich die Unschuld in dir erkenne, dann liegt darin die Fähigkeit, meine eigene Unschuld zu erfahren. Nur das, was ich in einer Situation nicht gebe, kann fehlen. Die Tür ist offen, wenn ich das Licht in mir und in dem Menschen erkenne, der er ist. Vergebung ist ein Aufruf sich selbst zu heilen, denn Selbstheilung heilt uns alle und unseren Planeten.

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns“

Thomas und ich waren im Streit. Ich habe keine Ahnung mehr, worum es ging. Letztendlich war es nur eine Kleinigkeit, doch er tobte und war wütend. Es war Sonntag und ich schlug vor, dass wir bei dem schönen Wetter spazieren gehen. Jeder ging für sich, wir sprachen kein Wort miteinander und ich hatte keine Ahnung, wie wir wieder zueinander finden würden. Die Bewegung und die frische Luft taten auf jeden Fall schon mal gut. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf mich, meinen Körper und bat innerlich um Hilfe. Es wurde ganz still in mir. Worte aus der Stille, die ich nicht aussprach, sondern in meinem Herzen wiederholte waren „Ich wünsche dir Frieden“. Es dauerte gar nicht lange, da fasste er liebevoll meine Hand und in dem Augenblick war das Eis gebrochen. Wir konnten die Fesseln des Streits hinter uns lassen und wieder lachen. Manchmal braucht es gar nicht viel. Diese Veränderung kam nicht durch mich, sie kam zu mir. Jeder Gedanke, den du denkst, ist entweder ein Gast Gottes oder eine Geißel deines Egos. Die Hinwendung, die auf dieser Reise geschieht, ist, dass Gott dir zeigt, wie das Leben zu einem Passionsspiel wird. „Ich war blind und jetzt kann ich sehen.“ Mit Würde und mit Anmut hast du eine Situation elegant gemeistert. Sie formt neue Synapsen-Verbindungen in deinem Gehirn. Sie werden mit der Zeit stabiler und es wird sich eine Gewohnheit daraus bilden, die das alte Muster ersetzt. Wie beim Sport wird man nicht aufhören zu trainieren. Mit den Gedanken ist das wie mit den physischen Muskeln. Wenn man nicht daran arbeitet, dass sie stark bleiben, werden sie schwächer und dann fallen all diese Verletzungen, Auslöser und Egomuster in ihre alten Standardeinstellungen wieder zurück. Ich hätte stattdessen schimpfen und wütend sein können, was für ein unkontrollierter, verrückter Mann ist das? Der ganze Katalog der Schuldzuweisung. So eine Reaktion kann sich jeder leicht vorstellen, doch ich habe mich neu entschieden und ihm Frieden gewünscht. Das ist wie ein psychologisches Training. Ich bitte darum, ein Instrument der Liebe zu sein. Dehnen wir unsere Wahrnehmung aus, jenseits dessen, was unsere physischen Sinne wahrnehmen. Das spirituelle Auge weiß, was wahr ist. Die Liebe ist wirklich, sie ist unzerstörbar. Sie ist, wer du bist. Deine Geburt ist kein Anfang, sondern eine Fortsetzung. Dein Tod ist kein Ende, sondern eine Fortsetzung. Es geht danach weiter, weil die Liebe real ist und nicht bedroht werden kann. Nichts was du jemals getan oder nicht getan hast, hat die Essenz verändert, die du bist. Die Erfahrung des göttlichen Friedens wird real, wenn ich ein Friedenselement in deinem Leben sein kann.