Wir sind in Beziehung – mit uns selbst und mit anderen – in jeder lichtvollen Sekunde.

Es lässt mich aufhorchen, wenn ich erfahre, dass 25 Prozent aller Menschen niemand haben, dem sie sich anvertrauen können und weitere 25 Prozent haben nur eine einzige Person, der sie sich tatsächlich öffnen und mitteilen können. Was ist der Grund dafür?

Wir kennen drei wichtige Lebensphasen – die Zeit als Kind, Jugendlicher und Erwachsener. Das neugeborene Kind ist abhängig und trägt eine tiefe Sehnsucht nach Verbindung in sich. Der Jugendliche wird unabhängig und wenn wir erwachsen werden, lernen wir, diese beiden Eigenschaften miteinander in Harmonie zu bringen. Wir tragen jedoch einen Mythos namens Unabhängigkeit in uns, der sich in der westlichen Welt, als Glaubenssatz, tief verankert hat. Aufgrund von unserem Wohlstand und der Industrialisierung werden wir tatsächlich immer unabhängiger voneinander oder glauben es zumindest zu sein. Wir schneiden uns jedoch von etwas Wundervollem ab, nämlich einer vertrauensvollen Beziehung, die auf tiefer Ebene nährend, stärkend und unterstützend sein kann. Früher war Beziehung ein Teil des Lebens. Heute finden wir es ganz toll autark zu sein und leben weite Strecken, (sogar in Partnerschaften) beziehungslos und vereinsamen sogar.

 

Segen und Fluch der Unabhängigkeit

Die verschiedenen Entwicklungsstufen, die wir durchlaufen, machen es deutlich. Da ist zum einen unsere Babyzeit/Kleinkindzeit. Das ist der abhängige Teil, der liebevolle Verbindung braucht. Hier ist auch das innere Kind zuhause. Ohne die Fürsorge der Eltern, würden wir nicht überleben können. Das ist der Teil, der weiß, ich brauche andere Menschen, ich lebe nicht allein und einsam auf einer Insel. In der Pubertät entwickelt sich der Gegenpol. Da wird der Unabhängigkeitsdrang groß und wir stärken die eigene Persönlichkeit. Ich bin groß, ich kann das alleine, ich will niemanden brauchen oder fragen. Und es gibt verschiedene Strategien, diesen Unabhängigkeitsdrang zu erfüllen, zum Beispiel auf „finanziellem“ Weg. Ich will möglichst viel Geld verdienen. Ich kann mir alles kaufen, inklusive Beziehungen. Dann brauche ich niemanden mehr und das ist super. Und es gibt die „spirituelle“ Strategie der Unabhängigkeit, also wenn ich über allem stehe und am liebsten gar nicht wirklich auf der Erde und in meinem Körper zuhause sein will. Das ist wohl genau das Gegenteil von Spiritualität, in der die Allverbundenheit beheimatet ist. Erwachsensein passiert dann, wenn beide Anteile in uns voll entfaltet sind und miteinander in Kontakt sind. Vor allem, dass sie aufeinander achten und aufeinander hören. Dann bin ich beziehungsglücklich. Dann kann meine Fähigkeit, für mich selbst gut zu sorgen, einen gesunden Ausgleich finden, mit meinem Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit. Meine Sehnsucht nach Abstand findet einen gesunden Ausgleich, zu dem Bedürfnis nach Nähe und Kontakt.

 

Jede Beziehung braucht Verbindung und Raum – das Spiel von Nähe und Distanz

Du kennst folgende Situation? Du wünschst dir mit deinem Partner Nähe und dein Partner will genau das Gegenteil, er sucht den Abstand und die Unabhängigkeit, oder umgekehrt. Welcher Part auch immer gerade in dir laut ist, frage nicht im Außen nach der Erfüllung, sondern wecke den Gegenpart in dir, der gerade im Verborgenen schlummert. Du kannst z.B. zu deinem Partner sagen: „Ich spüre mein Bedürfnis nach Nähe zu dir und merke, dass du das im Moment nicht haben kannst. Ich habe auch andere Freunde, die ich gerne treffen mag.“ In dem Moment geschieht häufig ein Switch. Dein Partner fühlt wieder mehr Raum, er kann sein eigenes Bedürfnis von Verbundenheit wieder spüren und du findest ebenfalls die Balance und genießt die Unabhängigkeit in dir und ihr begegnet euch wieder auf  neue Weise. Das energieraubende hin und her von Nähe und Distanz erfährt ein Ende, wenn beide Anteile in uns integriert und lebendig sind. Wir bewegen uns fließend in diesem Wechselspiel, gleich einer Wippe, in Richtung Balance.

 

Gefühle wieder fühlen – Schau liebevoll in deinen Rucksack

Wir tragen alle mehr oder weniger, einen „emotionalen Rucksack“ mit uns herum. Das bedeutet, wir alle haben Erfahrungen in unserem Leben gemacht, die in irgendeiner Form überwältigend waren und uns überfordert haben. Wir schützen uns, indem wir die Erfahrung in unseren Rucksack verSTAUen. Dieses emotionale Gepäck hat ein Gewicht und wirkt langfristig gesehen, toxisch auf unsere Gesundheit. Das bedeutet, dein System hat ein hohes Interesse daran, zu entladen. Das geschieht nicht bewusst. Du willst den Rucksack nicht freiwillig auspacken und entladen. Auf gar keinen Fall willst du das nochmals erleben oder dir anschauen. Dein System sagt aber, wir haben da etwas in unserer Agenda stehen, das will abgearbeitet werden. Unbewusst hast du permanent ein Casting mit der Frage laufen, wer kann mir helfen, an diese Ladung ran zu kommen? Dann ruft es Bingo und wir denken, wow, das ist die Frau oder der Mann meines Lebens. Und es kann sein, dass dieser Mensch genau die Kriterien erfüllt und dir hilft, an deine Ladungen ran zu kommen. Das ist der Clou und das Geschenk, da wir uns gegenseitig einen Dienst erweisen oder uns sogar dafür engagiert haben. Wenn ich einen großen Rucksack habe, suche ich mir unbewusst einen Partner aus, der ebenfalls einen großen Rucksack mit sich herumträgt. Es kann dann sein, dass wir uns helfen, unsere Ladungen zu aktivieren und sie unbewusst entladen. Das kann extrem destruktiv und anstrengend sein. Wenn wir uns dessen jedoch bewusst sind und wir in Liebe aufeinander schauen, können wir das Entladen üben und innerlich gesunden.

 

Gefühle wieder fühlen

Wie bereits erwähnt, entsteht der emotionale Rucksack in Situationen, die uns überwältigen. Das bedeutet, unsere emotionale Kapazität ist zu klein, für das was passiert ist. Wir können die Gefühle nicht fühlen. Jeder Mensch hat eine bestimmte emotionale Kapazität. Übersteigt es das, was wir halten und handeln können, stecken wir es in den Rucksack und brauchen die Unterstützung von außen. Durch aufmerksames Zuhören, liebevolle Anteilnahme und tief empfundenes Mitgefühl leihen wir dem anderen die emotionale Kapazität, die er in dem Moment braucht. Und in diesem Setting kommen wir noch mal in Berührung mit den emotionalen Wunden und dürfen sie noch einmal fühlen. Das bedeutet nicht, dass wir alles dramatisch rausschmeißen müssen, sondern wir lernen, den emotionalen Schließmuskel, bewusst zu öffnen. Du kannst wieder fühlen und deinen Gefühlen Worte verleihen. (Analysieren ist an dieser Stelle kein Ersatz für das Fühlen. Wir können dadurch vielleicht vieles verstehen, doch Verstehen heilt noch nicht.)

 

Wenn zwei Menschen sich erkennen, erkennen sie in erster Linie sich selbst

Wenn wir in einer Beziehung sind, wo wir uns gegenseitig stark aktivieren (und das kommt häufig vor), dann kann das gerade zu Anfang, eine Überforderung sein. Denn wenn ich aktiviert bin, dann bin ich ekelhaft, irrational, gemein und unfair. Ich sage Sachen, die ich sonst nie sagen würde. Ich kann von meinem Partner, der ebenfalls aktiviert ist, nicht erwarten, dass er mir dann noch liebevoll zuhört. Wenn Paare mit ihren emotionalen Altlasten wirklich so verstrickt sind, empfehle ich, bei jemand anderen sich Unterstützung zu holen. Nicht bei der Person, die dich gerade aktiviert hat. Wenn man Übung hat, ist das eine Sache von fünf Minuten. Das kann z.B. am Telefon geschehen, zum Partner zurück gehen und sagen „Hey ich weiß doch, dass du einen anstrengenden Tag hattest und mir ist wichtig, dass wenn du nach Hause kommst, wir zumindest einen Moment Zeit für einander haben…“ Dann kann ich mein Bedürfnis äußern, ohne zu sagen, was bist du denn eigentlich für ein….

Jede Partnerschaft wird Krisen durchlaufen, vor allem, wenn sie länger dauert. Krise bedeutet aber auch Katharsis (seelische Reinigung) und Heilung. Das ist der tiefere Sinn einer Krise. Beziehung wird nur dann extrem anstrengend, wenn sie nicht funktioniert und Dinge unter den Teppich gekehrt werden und nichts angesprochen werden darf. Verdrängen kostet ziemlich viel Energie. Auf der nonverbalen Ebene gibt es sowieso keine Geheimnisse. Der stille Austausch geht durch alle Ebenen und wird im Resonanzfeld kommuniziert und unbewusst wahrgenommen. Machen wir mutig unser Herz auf und heilen Stück für Stück die unerlösten, Anteile und Verletzungen in uns. Gemeinsam transformieren wir mit unserem Partner und das Leben wird heller und leichter. So verbrauchen wir nicht länger unsere Kräfte innerhalb der Partnerschaft, sondern entdecken Hand in Hand, dieses wundervolle Leben. Es ist wunderbar, wenn wir Krisen gemeinsam meistern und uns voller Liebe darin begleiten können. Es ist so schön, wenn wir spüren, wir können füreinander da sein, wir können in Kontakt sein, auch wenn es schwierig ist. Es entsteht eine neue Qualität, die uns aufblühen lässt.