Die heilende Kraft achtsamer Berührung – im Gespräch mit Frank Leder
Herzlich willkommen bei „Vom Leben berührt“ – deinem Podcast für transformative Körperarbeit. Hier kannst du die Episode nicht nur anhören, sondern auch das gesamte Gespräch über die Heilkraft achtsamer Berührung mit Frank Leder, einem der Begründer der TouchLife Massaage-Schule, nachlesen. Gemeinsam erkunden wir die Fähigkeiten und Qualitäten, die du durch eine fundierte Ausbildung erwirbst – und was es bedeutet, diesen Weg mit Selbstvertrauen und Freude zu gehen. Egal, ob du dich gerade selbstständig machen möchtest oder bereits als Bodyworker oder Therapeut tätig bist – wir möchten dich würdigen, bestärken und inspirieren.
Lesezeit 27 Min.
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Vorstellung und ein Herzliches Willkommen
Frank Leder hat gemeinsam mit seiner Frau Kali Sylvia von Kalckreuth die TouchLife Methode entwickelt und bereits 1989 die TouchLife-Schule ins Leben gerufen. Frank ist staatlich anerkannter Masseur, Autor und Lehrer für Achtsamkeitsmeditation. Es gibt insgesamt neun Schulstandorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz und über 2.500 zertifizierte Absolventinnen und Absolventen. Frank setzt sich besonders für die Verbindung von Körperarbeit und persönlicher Entfaltung ein. Dazu steht er im Austausch mit dem Neurobiologen Gerald Hüther und engagiert sich in der Akademie für Potenzialentfaltung, die Menschen ermutigt, ihre Stärken und Talente zu entfalten.
Gemeinsam mit dem TouchLife Massage-Netzwerk engagiert sich Frank jedes Jahr am Internationalen Tag des Ehrenamts, also am 5. Dezember, den ehrenamtlich Tätigen kostenfreie Massagen anzubieten – als Zeichen der Anerkennung für ihren Einsatz. Die berührenden Rückmeldungen zeigen immer wieder, wie wertvoll diese kleine Geste ist und welche tiefe Dankbarkeit dabei entsteht.
Ein wichtiger Aspekt der TouchLife Seminare ist die Kombination aus fachlicher Massageausbildung und persönlicher Entwicklung. Das Ausbildungsprogramm ist so gestaltet, dass es Menschen mit und ohne berufliche Vorerfahrung offensteht – und genau das macht es so wertvoll und bereichernd.
Frank und ich kennen uns seit mittlerweile 30 Jahren. Unsere erste Begegnung war in der Villa Schaaffhausen in Bad Honnef – im Seminarhaus meiner Eltern, wo du damals mit Kali die Ausbildung angeboten hast. Mein eigener Einstieg in die Körperarbeit begann mit Ayurveda-Massagen. Gleichzeitig wollte ich eine fundierte, ganzheitliche Massageausbildung machen – und so habe ich mich für die TouchLife Ausbildung entschieden, die ihr am Edersee veranstaltet habt. Bis heute bin ich dankbar für diesen wunderbaren Weg der Berührung. An dieser Stelle möchte ich dir, lieber Frank, meine volle Anerkennung aussprechen – für dein langjähriges Engagement, deine Moderation und die Begleitung des internationalen TouchLife-Massage-Netzwerkes. Besonders in herausfordernden Zeiten wie der Corona-Pandemie hast du deine „Schützlinge“ mit wichtigen Informationen versorgt und ihnen Sicherheit und Orientierung gegeben. Für diesen Einsatz – und dafür, dass du mit so viel Herzblut dabei bist – danke ich dir.
Herzlich willkommen, lieber Frank – schön, dass du da bist!
Der Ursprung der TouchLife-Methode – Der Start einer gemeinsamen Vision
Petra: Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, möchte ich kurz auf unsere gemeinsame Zeit zurückblicken. Dabei wird mir immer wieder bewusst, wie sehr die TouchLife Methode nicht nur Techniken vermittelt, sondern auch innere Haltung, Bewusstsein und Präsenz fördert. Was mich interessiert: Was war damals eigentlich dein ursprünglicher Impuls, gemeinsam mit Kali die TouchLife Methode ins Leben zu rufen? Gab es einen besonderen Moment oder eine Erkenntnis, die euch auf diesen Weg geführt hat? Und vielleicht magst du in diesem Zusammenhang auch etwas über unsere Zusammenarbeit erzählen.
Frank: Ja, liebe Petra, danke für die Einleitung und dass du mich eingeladen hast, jetzt mit dir in deinem Podcast zu sprechen – das finde ich sehr schön. Ja, du fragst nach der Motivation, die Kali und ich damals hatten. Da muss ich ein bisschen in der Zeit zurückgehen. Mein ursprünglicher Berufswunsch war, Behandler zu sein – Massagepraktiker, Massagetherapeut – und das ist auch einer meiner Grundberufe, wie du es erwähnt hast. Kali und ich haben uns in den 1980er Jahren kennengelernt und dann in Frankfurt und im Taunus zwei Praxisstandorte aufgebaut. Damit waren wir sehr glücklich – Menschen zu unterstützen, sie im Gespräch und mit Massagen zu begleiten. Es war erfüllend zu sehen, wie sich unsere Klienten nach einer 90-minütigen Behandlung besser fühlten als zuvor. Der Vorher-Nachher-Effekt war sehr beeindruckend und hat uns große Freude bereitet.
Von der Praxis zur Schule – Ein natürlicher Weg
Frank: Was uns immer wichtig war: Wir haben unser Wissen nie zurückgehalten. Im Gegenteil – wir hatten Freude daran, unsere Erfahrungen zu teilen. So kam es, dass wir fast unbemerkt in die Rolle der Lehrenden hineingewachsen sind. Das Leben hat uns auf diesen Weg gerufen. Wir entschieden uns, die Nachfrage anzunehmen: Montag bis Freitag war Praxistag, und am Wochenende unterrichteten wir. So entstand die TouchLife-Schule – nicht als geplantes Konzept, sondern organisch aus dem Leben heraus.
Petra: So wie du es beschreibst, Frank – dieser natürliche Fluss und das Wachsen von Schritt zu Schritt – genauso habe ich es erlebt. Der erste Funke springt über, dann folgt der nächste kleine Schritt, und daraus ergibt sich der nächste. Das ist genau das Schöne daran: Man muss nicht alles von Anfang an durchplanen, sondern kann sich erlauben, Schritt für Schritt zu wachsen. Und wenn die Liebe, das Engagement und die Freude darin Platz finden, dann antwortet das Leben auf diese Erfüllung – und dann, ja, das ist… ja, wie das Leben spricht. Genau dann berührt einen das Leben in dieser Klarheit auch.
Frank: Natürlich gehört dazu auch ein langer Atem. Kontinuität und Leidenschaft sind essenziell. Und das weiß ich ja auch von dir. Du hast vorhin gesagt, als du unsere Ausbildung gemacht hast – das ist jetzt fast 30 Jahre her – hattest du da nicht schon begonnen zu behandeln? Oder war das so zeitgleich mit Ayurveda und TouchLife?
Erste Erfahrungen in der eigenen Praxis
Petra: Das war ziemlich zeitgleich. Ich hatte die TouchLife Ausbildung noch nicht ganz abgeschlossen, als ich mich mit bereits mit Massagen selbstständig gemacht habe. Das Hotel ging sogar so weit, den Raum für mich zu renovieren und ein Waschbecken einzubauen. Nebenan befanden sich eine Sauna und ein kleines Schwimmbad – ein großes Geschenk. Das Hotel hat für mich sogar einen Flyer erstellt und Werbung gemacht, und so habe ich dort ein Jahr lang massiert, während ich die Ausbildung noch nicht ganz abgeschlossen hatte. Damals habe ich zunächst ayurvedische Massagen angeboten.
Der Weg der achtsamen Berührung und zum eigenen Stil
Frank: Genau, und dann ist das, was du bei TouchLife noch gelernt hast, in deine Arbeit eingeflossen, und du hast deinen eigenen Stil entwickelt – unter anderem mit Babymassage, Fußreflexzonenmassage und der TRAGER®-Methode.
Petra: Ja, genau. Nachdem der erste Stein ins Rollen gekommen war, habe ich einfach alles ausprobiert, was mich interessiert hat – und habe es dann auch umgesetzt.
Frank: Das hat mich damals sehr beeindruckt. Kali und ich haben deine Entwicklung mit großem Wohlwollen und Bewunderung verfolgt. Wir haben gesehen, wie schnell du dich etabliert hast, aber auch, wie kontinuierlich du dabeigeblieben bist.
Backstage mit Hermann van Veen: Wie besondere Momente die Selbstständigkeit beflügeln
Frank: Ich erinnere mich, dass du dir sogar einen Traum verwirklicht hast, der für viele Bodyworker ein großer Wunsch ist: Du hast einen Künstler auf Tournee begleitet und ihn durch die Konzerthäuser begleitet. Das war Hermann van Veen, richtig?
Petra: Ja, genau. Das war damals, als ich im Steigenberger Hotel gearbeitet habe. Da bekam ich diese spontane Anfrage. Am nächsten Tag war ich dann backstage – das war ein besonderer Moment. Die Garderobentür von Hermann van Veen öffnete sich, er schaute mich an und sagte: „Wir kennen uns.“ Es war, als sei sofort eine Vertrauensbasis da – so ein Gefühl von Wiedererkennen. Ich hatte damals nur eine halbe Stunde Zeit und fragte ihn, was er sich wünsche. Er zählte alles auf – eine komplette Ganzkörpermassage. Das war eine echte Herausforderung. Ich habe ihn behandelt, und dabei hatte ich das Gefühl, als säße eine ganze Prüfungskommission mit im Raum. Doch es war so auf den Punkt, es hatte so eine Tiefe… Er war danach so glücklich und fühlte sich wieder ganz in seinem Körper angekommen. Später erfuhr ich, dass er ein Jahr lang nicht auf der Bühne gestanden hatte. Nach seinem Konzert war ich auch backstage. Nach der Show kam er von der Bühne, umarmte mich und sagte: „Das wäre niemals so gut gelaufen, wenn ich nicht deine Behandlung bekommen hätte.“
Frank: Was für ein schönes Kompliment!
Petra: Ja, das war wirklich etwas Besonderes. Nach dieser Erfahrung stand mein Telefon nicht mehr still. Ich hatte so viele Terminanfragen. Energetisch war diese Erfahrung ein riesen Booster für meine Selbstständigkeit. Danach habe ich ihn fast zehn Jahre lang begleitet und ihn backstage behandelt. Ich bin mit ihm an die schönsten Orte gereist – er hat mich sogar für eine Massage nach Paris einfliegen lassen. Das war eine sehr besondere und wertvolle Zeit.
Frank: Ja, und ich erinnere mich, dass wir uns mal in Frankfurt getroffen haben. Kali und ich waren im Konzert und du hast uns backstage als Special Guests „eingeschleust“. Das war eine beeindruckende Begegnung. Ich glaube, solche besonderen Erlebnisse sind sehr prägend. In solchen Momenten wächst das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten enorm. Jeder TouchLife Praktiker hat früher oder später solche besonderen Begegnungen oder erhält ein authentisches, wertvolles Feedback. Und dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten strahlt aus. Es stärkt nicht nur das innere Gefühl von Sicherheit, sondern macht die eigene Praxis auch nach außen sichtbar – und das zieht Menschen an.
Petra: Ja, das kann ich nur bestätigen.
Wenn der Körper tanzt – Die Entstehung der „Harmonischen Techniken“
Petra: 2019 war ich beim Fortbildungsseminar zum 30-jährigen Jubiläum der TouchLife-Schule. Während des Seminars haben mich Teilnehmer wahrgenommen, wie ich TRAGER® Elemente in die Massagen einfließen lasse und gesagt: „Das musst unterrichten!“ Ich habe darüber nachgedacht und wusste, dass ich mit dir darüber sprechen möchte. So entstand das wunderbare Fortbildungsangebot: „Harmonische Techniken und Gelenksmobilisation – Eine rhythmische Behandlung in der Körperarbeit“.
Frank: Die Harmonischen Techniken können das Repertoire der TouchLife Praktiker auf wunderbare Weise erweitern. Die rhythmische Arbeit, lässt sich besonders gut in die TouchLife Methode integrieren. In unserer Methode gibt es ja bereits Gelenksmobilisationen – für Arme, Beine und die Halswirbelsäule. Aber das, was du entwickelt hast, bringt eine zusätzliche Qualität und Leichtigkeit hinein. Darum haben wir uns entschieden, ein Fortbildungsseminar daraus zu machen – ein dreitägiges Angebot, das du nun im sechsten Jahr für Absolventinnen und -Absolventen anbietest. Es ist so schön zu sehen, wie du diese harmonischen Bewegungen vermittelst und dabei auch den Aspekt der eigenen Bewegung und Ergonomie integrierst. Das machst du unheimlich gut – und das spürt man in deiner Arbeit.
Wie wir am Massagetisch stehen, wie wir uns mitbewegen und wie wir aus unserer Körpermitte heraus Massagegriffe einsetzen – all das trägt entscheidend dazu bei, dass wir in unserer Kraft bleiben. Massage ist ohnehin schon eine anspruchsvolle Arbeit, und sie muss ja nicht noch zusätzlich anstrengend sein. Dein Fortbildungsangebot hilft hier wirklich weiter: Du inspirierst dazu, aus dem Fluss heraus zu arbeiten. Das finde ich sehr wertvoll.
Petra: Bei den Harmonischen Techniken arbeite ich mit meinem Körper und mit Wellenbewegungen – inspiriert durch die Arbeit von Milton Trager. Er lebte am Meer und verbrachte viel Zeit im Wasser, wo er aufmerksam beobachtete, wie sein Körper auf die rhythmischen Bewegungen der Wellen reagierte. Diese wellenförmigen Impulse übertrug er später in seine Hände und erzielte damit bemerkenswerte Erfolge – insbesondere bei Menschen mit neurologischen Beschwerden wie Kinderlähmung (Polio), Parkinson oder Multiple Sklerose. Überraschenderweise kam diese Entwicklung auch für Trager selbst ganz unerwartet.
In vielen Methoden wie TouchLife, Rolfing oder der Esalen-Massage ist Gelenksmobilisation ein wichtiger Bestandteil. In der TRAGER®-Arbeit wird dabei besonders betont, dass die Bewegung aus den eigenen Füßen und der Körpermitte heraus entsteht. Ich setze einen sanften Impuls, und der Körper meines Klienten reagiert darauf. So entsteht ein Dialog: Die Welle, die ich aussende, kommt als Antwort wieder zu mir zurück – und so kommunizieren und beeinflussen sich die Bewegungen gegenseitig.
Bewegung, die berührt – Der sanfte Dialog zwischen Körpern
Petra: Es geht dabei nicht darum, einen Arm, ein Bein oder einen Unterschenkel aktiv zu führen, sondern vielmehr darum, das Gewicht des Körpers in meine Hände, durch meinen Körper bis in meine Füße sinken zu lassen und die Bewegung wieder von dort aus fließen zu lassen. Ich spiele mit den Gewichten: Das Eigengewicht des Körpers kommt in Bewegung und fließt, und genau diese wellenartige Bewegung geht viel tiefer und erreicht das gesamte System.
Diese Wellenbewegungen können ganz klein und fein sein – und dennoch tief wirken. Sie erreichen selbst die tiefe Rumpfmuskulatur und die feinen autochtonen Muskeln entlang der Wirbelsäule. Durch diese sanfte Mobilisation balancieren sich die Kontraktion und Dehnung der tiefen Muskelschichten aus. Die Körperorganisation wird dabei neu geordnet, sodass sich eine mühelose Aufrichtung von innen heraus entwickelt – ohne Kraft und Anstrengung. Diese innere Leichtigkeit entsteht nicht durch einen bewussten Willensakt, sondern durch die feine Kommunikation innerhalb des Gewebes und die Fähigkeit, achtsam darauf zu lauschen. Das erfordert ein feines Gespür – sowohl für die eigene Körperpräsenz als auch für den Körper des Klienten. Doch genau daraus entsteht dieser besondere Dialog.
Den eigenen Weg erkennen und wertschätzen
Petra: Unser Wunsch ist es ja auch, gemeinsam zu erkunden, welche Fähigkeiten und Qualitäten ein Bodyworker im Laufe seiner Ausbildung entwickelt. Oft ist sich ein Behandler gar nicht bewusst, auf wie vielen verschiedenen Ebenen er sich weiterentwickelt. Viele denken: „Ich massiere halt – und das war’s.“ Doch das ist viel zu kurz gegriffen. Wenn man die Techniken beherrscht, wirkt es oft mühelos und selbstverständlich – aber der Weg dorthin ist ein Prozess aus vielen kleinen Schritten.
Die fünf Säulen der TouchLife Methode
Frank: Ja, ich würde gerne etwas zu den Kompetenzen sagen, die man als TouchLife-Praktiker entwickelt.
Die TouchLife-Methode basiert auf fünf Pfeilern:
- Massagetechniken
- Gespräch
- Energieausgleich
- Atem
- Achtsamkeit
In der Ausbildung lernen die Teilnehmenden, in all diesen Bereichen kompetent und bewusst zu handeln. Sie entwickeln nicht nur handwerkliche Fertigkeiten, sondern auch eine achtsame Haltung und ein tiefes Verständnis für die Dynamik zwischen Körper, Geist und Seele.
Slack, Flow und Körperintelligenz – Die Kunst der tiefen Verbindung
Frank: Natürlich gibt es in der Massagearbeit grundlegende Techniken wie Haltegriffe, Kneten, Walken, Vibrationen, Schütteln und Streichungen. Diese finden sich in vielen Massagetraditionen. Kali und ich haben viel Zeit darauf verwendet, diese Techniken in eine wirksame Reihenfolge zu bringen. Unser Ziel war es, dass der Klient die Behandlung in einem Zustand von Balance und innerer Ruhe verlässt. Uns war und ist es wichtig, dass Klienten am Ende der Sitzung stabil und ausbalanciert in ihren Alltag zurückkehren. Deshalb haben wir bei TouchLife viel Wert daraufgelegt, Techniken zu entwickeln, die aktivieren und beleben, aber auch solche, die beruhigen und entschleunigen. Durch diese Abwechslung entsteht eine ausgeglichene, harmonische Wirkung, die den Menschen nachhaltig stabilisiert.
Petra: Eine Massage kann sich anfühlen wie eine Symphonie: Es gibt ruhige, sanfte Passagen – und dann wieder dynamischere Momente mit kraftvolleren Elementen. Dieser Wechsel zwischen Rhythmus und Tempo ist es, der die Behandlung so lebendig und gleichzeitig harmonisch macht.
Ein wertvoller Aspekt, den ich aus der TRAGER®-Arbeit mitgenommen habe, ist die bewusste Nutzung meines Körpergewichts. Anstatt aus der reinen Kraft der Arme und Hände zu arbeiten – was auf Dauer sehr anstrengend wäre – verlagere ich meinen Körperschwerpunkt und spüre meine eigene Mitte. Dadurch verteilt sich der Druck viel gleichmäßiger und dringt tiefer in die Gewebeschichten ein – ohne dass ich mich dabei verausgaben muss. In der TRAGER®-Arbeit sprechen wir auch von „Slack“ – einem sanften Zug oder einer leichten Kompression. Wenn ich z.B. die Fersen halte und mich sanft in meine Fersen zurücklehne, entsteht eine fasziale Verbindung, die vom Fuß bis zur Nasenspitze spürbar wird. Egal, wo ich am Körper ansetze – diese feinen, durchgehenden Verbindungen sorgen dafür, dass ich den gesamten Körper ansprechen kann.
Das Zusammenspiel der Körpersysteme
Frank: Letztlich ist dieses Prinzip nicht an eine bestimmte Methode gebunden. Im Menschen ist ohnehin alles miteinander verbunden: die körperlichen Strukturen, die seelischen Aspekte, das Nervensystem und die Energieströme. All diese Ebenen durchdringen und beeinflussen sich gegenseitig. Der Körper hat eine erstaunliche Fähigkeit, sich selbst auszubalancieren und immer wieder neue Ordnungen zu finden. Mit einem feinen Impuls können wir diese innere Weisheit anregen – und der Körper nimmt diesen Impuls auf und findet seinen eigenen Weg der Heilung.
Der feine Unterschied – Was achtsame Berührung auslöst
Frank: Und das setzen wir mit unserer achtsamen Berührung in Gang. Es ist faszinierend, wie wir beide jetzt über die einzelnen Körpersysteme fachsimpeln. Doch am Ende wirkt alles zusammen, und das bleibt ein Stück weit immer ein Mysterium.
Petra: Ich liebe es, wenn Berührung in all ihren Facetten spürbar wird – so wie wir uns jetzt im Gespräch austauschen. Es ist so bereichernd und zugleich ein Ausdruck von Wertschätzung.
Ich empfinde große Demut, dass ich diese Arbeit tun darf und dabei all diese Systeme berühre. Letztlich mache ich Integration oder Heilung nicht – ich gebe nur einen Impuls. Der Körper selbst – mit seiner körpereigenen Intelligenz und seinen Selbstheilungskräften – setzt dann die entscheidenden Prozesse in Gang. Tempo und Rhythmus spielen dabei eine entscheidende Rolle. Deshalb lasse ich in meinen Behandlungen bewusst auch Pausen zu. Durch Haltegriffe, stille Momente oder eine Phase der Nachruhe kann sich der Körper neu organisieren und das Erlebte integrieren.
Berührung verbindet – Zwei Wege, eine Essenz
Frank: Was unsere Arbeit verbindet – sowohl in der TouchLife Methode als auch in der TRAGER® Arbeit – ist die bewusste Berührung. Nicht jede Methode, die am Menschen arbeitet, berührt mit den Händen so direkt und konkret. Es gibt nur wenige Methoden, die diesen direkten Kontakt herstellen.
Und wenn ich heute zurückblicke – ich arbeite jetzt seit 40 Jahren mit meinen Händen am Menschen – dann kann ich sagen: Berührung ist ein wirklich machtvolles Werkzeug
Petra: Ein Mensch, der einen anderen berührt – das macht etwas. Wir Menschen sind zutiefst Bindungswesen. Wir brauchen Kontakt und Verbindung. Berührung setzt Hormone wie Oxytocin frei und wirkt dadurch unmittelbar auf unser Wohlbefinden
Frank: Einerseits ist Massage ein sehr alter Beruf – und gleichzeitig leben wir heute in modernen Zeiten. Die Welt wird zunehmend digitaler und schneller, das Leben nimmt an Geschwindigkeit zu und die Reizüberflutung wächst. Ich bin neugierig, wie sich dieser Trend weiterentwickelt. Doch eines ist für mich klar: Wenn ich in 100 Jahren wieder als Massagetherapeut wiedergeboren würde, würde ich garantiert genauso massieren wie heute.
Berührung neu denken – Ganzheitlichkeit als Antwort auf moderne Herausforderungen
Petra: Vor Kurzem habe ich im medizinischen Fortbildungszentrum in Hagen Fußreflexzonenmassage unterrichtet. Die Teilnehmenden – darunter Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Osteopathen und Hebammen – erzählten mir, dass viele Menschen mit einem stark überreizten Nervensystem in ihre Praxen kommen. Diese Menschen suchen gezielt nach Entspannung und einem Gefühl des Ankommens. Viele der Therapeuten sagten mir, dass sie verstärkt nach ganzheitlichen Methoden suchen, die den ganzen Menschen berühren – und nicht nur punktuell symptombezogen arbeiten. Viele Physiotherapeuten spüren, dass sie nicht mehr in dem starren 20-Minuten-Rhythmus arbeiten möchten. Sie wünschen sich, aus dieser Fließbandarbeit auszubrechen und selbstständig zu arbeiten, um sich mehr Zeit für ihre Klienten nehmen zu können. Immer häufiger wird nach Fortbildungen gesucht, die unter dem Begriff Entspannung laufen – ein Zeichen dafür, dass sich die Grenzen zwischen Wellness und Therapie langsam auflösen. Lange Zeit wurde Berührung in zwei extreme Kategorien unterteilt: Wenn Berührung sanft und angenehm ist, wird sie oft als „Wellness“ abgetan und damit als wenig bedeutungsvoll angesehen.
Wenn sie stark und schmerzhaft ist, gilt sie hingegen als „Therapie“. Diese Trennung ist ein Irrtum. Wenn ich ohne Vorbereitung direkt tief ins Gewebe greife und Schmerzen auslöse, spannt sich der gesamte Körper an. Der Sympathikus wird aktiv, und der Körper gerät in einen Alarmzustand – Kampf oder Flucht. In diesem Zustand sind Regeneration, Selbstheilung und Entspannung blockiert. Deshalb ist es so wichtig, beides zu verbinden: Sanfte, einfühlsame Berührung und eine tiefe therapeutische Wirkung.
Wohlbefinden als therapeutische Qualität
Petra: Auch wenn ich mich mit der TRAGER®-Arbeit intensiv weiterentwickelt habe und sie meine Arbeit stark geprägt hat, liebe ich nach wie vor die klassische Massage mit Öl. Diese Qualität der Berührung spricht auf ganz besondere Weise andere Bedürfnisse an – und das kann durch nichts ersetzt werden.
Frank: Da stimme ich dir voll und ganz zu. Kali und ich ordnen unsere TouchLife Massage im deutschsprachigen Raum selbstbewusst als Wohlbefindensmassage ein. Wir sind Experten – und wir bilden Experten aus – in einer Massageform, die tiefes Wohlbefinden erzeugt. Wohlbefinden ist nicht nur angenehm – es ist die Voraussetzung dafür, dass Regenerationsprozesse überhaupt stattfinden können. Es ist der Schlüssel, damit das gereizte Nervensystem wieder zur Ruhe kommt und der Körper sich neu organisieren kann. Durch unsere Arbeit ermöglichen wir den Menschen, ihren inneren heilsamen Raum wieder zu betreten. Von dort aus können sie Kraft schöpfen – und das ist enorm wichtig. Ich erinnere mich noch gut an die 1980er-Jahre in Frankfurt. Auch damals waren die Menschen gestresst – aber Begriffe wie „Burnout“ oder „Erschöpfung“ waren damals noch kaum bekannt. Heute gehören diese Diagnosen zu den häufigsten Gründen für längere Erkrankungsphasen im Arbeitsleben. Entsprechend wichtiger sind Angebote, die entschleunigen und Wohlbefinden in den Vordergrund rücken.
Früher wurde unsere Arbeit oft belächelt. Wenn wir erzählten, dass wir eine Wohlbefindensmassage anbieten, wurde das gerne als „Ha, ha, nur Wellness“ abgetan. Doch das hat sich geändert. Heute weiß man: Wer andere so massieren kann, dass sie sich in kurzer Zeit zutiefst wohlfühlen, der beherrscht sein Handwerk wirklich gut.
Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung als Weg zur Heilung
Frank: Damit Wohlbefinden entstehen kann, muss ich als Behandler auch mit mir selbst in Kontakt sein. Es geht darum, mich selbst wahrzunehmen, achtsam zu sein und im Kontakt mit meinem Körper zu bleiben – und gleichzeitig ganz präsent beim Klienten zu sein. Diese Fähigkeit zu schulen, ist Teil unserer Ausbildung.
Eine Massagestunde ist nicht nur Genuss und Entspannung – sie bietet auch die Möglichkeit, etwas über sich selbst zu lernen. Selbstwahrnehmung, Selbstfürsorge und das Entwickeln eines feinen Körperbewusstseins – all das sind Fähigkeiten, die viele Menschen erst während ihrer Massageerfahrung wieder entdecken. Und das ist ein wertvoller Schatz, den wir als Bodyworker mit unserer Berührung vermitteln können.
Ich lese auch in vielen Fachzeitschriften, dass ein typisches Merkmal von Erschöpfungserkrankungen und drohendem Burnout der Verlust der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse ist. In diesem Zustand ist man so grunderschöpft und abgeschnitten von den eigenen gesunden Impulsen, dass man gar nicht mehr spürt, was man eigentlich braucht. Man merkt nicht mehr, wann man satt ist, sondern isst einfach weiter. Man spürt nicht mehr, wann man müde ist und schlafen sollte, sondern beschäftigt sich weiter und erschöpft sich immer mehr. Auch das Gefühl für die eigenen Grenzen geht verloren.
Gerade deshalb sind ganzheitliche Behandlungsmethoden wie TouchLife oder TRAGER® so wichtig. Sie ermöglichen es den Menschen, wieder auf sich zu achten und ihre inneren Signale bewusster wahrzunehmen. In diesen Methoden werden die Menschen nicht nur behandelt, sondern auch angeleitet, in sich hineinzuspüren. Das ist der Beginn des Rückwegs zur Selbstwahrnehmung – und dieser Schritt ist von entscheidender Bedeutung, um Erschöpfungssymptomen entgegenzuwirken. Diese komplementären Methoden haben in diesem Bereich sehr viel zu bieten.
Selbstfürsorge beginnt bei uns selbst
Petra: Auch für uns als Behandler ist es wichtig, unsere eigenen Grenzen zu erkennen.
In der Arbeit als Therapeutin oder Bodyworker lernt man, sich gut zu organisieren:
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Wie viele Sitzungen kann ich an einem Tag geben, ohne mich selbst zu überfordern?
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Wie gestalte ich meine Pausen, damit ich in meiner Kraft bleibe?
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Wie plane ich innerhalb einer Behandlung genügend Raum ein – etwa für einen jungen, dynamischen Menschen, der sich schnell auszieht, oder für eine ältere Person, die mehr Zeit braucht, um sich zu orientieren?
Diese bewusste Planung ist Teil unserer Arbeit und gehört zur Selbstfürsorge ebenso dazu wie der Kontakt zum Klienten.
Auch vermeintliche Kleinigkeiten spielen eine Rolle – zum Beispiel die Dosierung des Massageöls. Manche Menschen haben sehr trockene Haut, die mehr Öl benötigt. Andere benötigen weniger. Genau die richtige Menge zu spüren, ist eine Fähigkeit, die uns erlaubt, individuell auf die Bedürfnisse unserer Klienten einzugehen. Und das macht unsere Arbeit so spannend – weil wir uns immer neu auf jeden Menschen einstimmen dürfen. Es wird einfach nie langweilig.
Auch die Art und Weise, wie wir unsere Klienten zudecken und aufdecken, trägt entscheidend dazu bei, wie sicher und geborgen sie sich fühlen. Ich verwende beispielsweise warme Tücher und achte darauf, dass dieser Übergang harmonisch und fließend geschieht – ohne Hektik oder Unsicherheit. Wenn jeder Arbeitsschritt sitzt und sich wie ein natürlicher Teil der Massage anfühlt, entsteht Vertrauen – und genau das ist die Voraussetzung dafür, dass der Klient loslassen kann.
Eine Einladung an Menschen mit Herz und Intuition
Frank: Wenn du bis hierhin zugehört hast und noch kein TouchLife Praktiker bist, sondern vielleicht darüber nachdenkst, eine Ausbildung oder Weiterbildung in diesem Bereich zu machen – lass mich dir Mut machen. Kali und ich haben schon sehr früh in unserer Lehrtätigkeit entschieden, nicht nur medizinisches Fachpersonal weiterzubilden, sondern gezielt auch Talente zu fördern – Menschen, die spüren, dass sie mit ihren Händen etwas bewirken können. Vielleicht hast du bisher andere Berufe gemacht und massierst einfach gerne deine Freunde und Familie. Oder du hast schon als Kind oder Jugendlicher gemerkt, dass du gerne berührst und gutes Feedback darauf bekommst. Wenn du das in dir spürst, dann probiere dich aus! In unseren Einführungsseminaren kannst du herausfinden, ob dieser Weg zu dir passt. Wenn du dein Talent weiterentwickeln möchtest, kannst du die TouchLife Massage erlernen – und das sogar erlaubnisfrei, ohne einen medizinischen Grundberuf. Mit dieser Ausbildung kannst du dein Talent in die Welt bringen – und das wird gebraucht.
Petra: Wenn du dich erst einmal selbst davon überzeugen möchtest, wie sich eine TouchLife Massage anfühlt, kannst du jederzeit einen ausgebildeten Praktiker aufsuchen. Diese Erfahrung selbst zu genießen, kann ein wunderbarer erster Schritt sein.
Gibt es noch etwas, was du zum Abschluss gerne sagen möchtest?
Frank: Ja. Wenn es dem Einzelnen besser geht, wird die Welt ein Stück heiler. Das ist ein Satz, der für mich großen Sinn macht. Ich gehe mit wachen und sorgenvollen Augen durch die Welt – Stichwort Klima, gesellschaftliche Herausforderungen und die zunehmenden Belastungen. Aber wenn ich in einer Massage oder einem Seminar sehe, dass ein Mensch sich wieder aufrichtet, sich selbst spürt und mit Zuversicht zurück in seinen Alltag geht, dann weiß ich: Die Welt ist ein kleines Stück heiler geworden. Es ist ein bescheidener Beitrag – aber ein bedeutungsvoller. Wie heißt es so schön: Wenn jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt, ist die Straße am Ende sauber.
Petra: Ja, sehr schön. Ich möchte zum Abschluss noch sagen: Folge deiner Intuition und bleibe neugierig. Die Fähigkeit, mit dem Herzen und aus der Präsenz heraus zu arbeiten, ist der größte Schlüssel zum Erfolg und zur Erfüllung in diesem Beruf.
Zum Abschluss – ein Dank und eine Einladung
Petra: Lieber Frank, ich danke dir von Herzen für dieses inspirierende Gespräch und für all die wertvollen Gedanken und Impulse, die du mit uns geteilt hast. Was mich besonders berührt, ist dein Satz: Geht es dem Einzelnen besser, wird die Welt ein Stück heiler. So wahr. Und genau das spiegelt sich in deiner Arbeit und der TouchLife Methode so wunderbar wider: Die Verbindung von achtsamer Berührung, innerer Haltung und persönlicher Entwicklung. Ein Weg, der nicht nur den Einzelnen stärkt, sondern auch das große Ganze berührt.
Ich hoffe, dass diese Folge all diejenigen inspiriert, die sich auf den Weg gemacht haben – sei es in der Ausbildung, der Selbstständigkeit oder in der Vertiefung ihrer Fähigkeiten als Bodyworker oder Therapeutin. Wenn dich diese Episode berührt hat, freue ich mich, wenn du den Podcast teilst oder eine Bewertung hinterlässt – damit noch mehr Menschen inspiriert werden, ihren Weg mit Freude und Vertrauen zu gehen.
Bis zum nächsten Mal – bei Vom Leben berührt.
🎧 Höre jetzt die ganze Folge und erfahre, wie du mit achtsamer Berührung deine Massagepraxis vertiefen kannst.
Links
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- TouchLife Massagemethode, Praxisadressen und Ausbildung
- Ehrenamtliches Engagement „Für Menschen, die helfen“
- Studien zur TouchLife Methode
- Publikationen
- TouchLife in der Akademie für Potenzialentfaltung von Gerald Hüther
- Achtsamkeitsretreats mit Frank
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