Das Wirtschaftswunder und ihre Schatten

Nach Jahren des Kriegs erleben die Menschen das Wirtschaftswunder. Es geht aufwärts. Alles ist machbar, wir sind wieder wer!

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Die Menschen möchten sich wieder amüsieren, doch in den Köpfen vieler Deutscher ist der Krieg noch nicht verarbeitet. Schlaflosigkeit ist ein Phänomen der Zeit. Posttraumatische Störungen gehen einher mit innerer Unruhe und Stress und das Schlucken von Tabletten gehört zum Lifestyle. 1957 kommt ein neues Mittel auf den Markt. Es verspricht Ruhe ohne Reue. So finden Schlaf- und Beruhigungsmittel einen reißenden Absatz.

 

Contergan wird zum beliebtesten Schlafmittel der Deutschen

Das Medikament Contergan mit dem Wirkstoff Thaladomid war genau das, was alle gesucht haben. Es verspricht Ängste aufzulösen und Beschwerden zu heilen. Schwangerschafts-Übelkeit soll das Medikament beheben – dabei ungiftig und völlig harmlos wie Zuckerplätzchen sein. Contergan ist in jeder Apotheke frei verkäuflich und Chemie Grünenthal (mit Sitz in Aachen), macht pro Monat 1,2 Millionen Umsatz. Zwischen 1957 und 1961 werden 310 Millionen Tagesportionen verkauft und genau neun Monate nach Einführung des Medikaments kommen Menschen mit Missbildungen zur Welt. Ein Arzneimittelgesetz gibt es noch nicht. Selbst nachdem der Zusammenhang zwischen der Einnahme und den Fehlbildungen bei Neugeborenen deutlich wurde, wird Contergan nicht vom Markt genommen. Im jahrelangen Prozess spielt Grünenthal auf Zeit, der darauf hofft, dass die ganze Angelegenheit verjährt, während die Eltern mit ihren Problemen allein auf sich selbst gestellt sind. 5.000-10.000 geschädigte Kinder erblicken das Licht der Welt. Viele überlebten aufgrund der schwerwiegenden Schädigung das erste Lebensjahr nicht. In Deutschland leben heute von 5.000 noch ca. 2.400 Menschen mit diesem unfassbaren Schicksal.

 

Meine Begegnung mit contergan-geschädigten Menschen

Im Juni 2018 berührt mich dieser Skandal hautnah. Die Vorsitzende des Hilfswerkes contergan-geschädigter Menschen aus Rhein-Land Pfalz nimmt bereits im März Kontakt mit mir auf und 27 betroffene Menschen möchten in meine Praxis kommen. Fünf Tage wohnt die bunt gemischte Gruppe, die sich teilweise schon seit ihrer Kindergartenzeit kennen und mittlerweile Ende 50, Anfang 60 sind, im anliegenden Hotel und bekommen in meiner Praxis je nach Bedarf ayurvedische Massagen, Lymphdrainagen oder Fußreflexzonenmassagen. Ich fühle Freude, Betroffenheit und Demut, diese Menschen in ihrer Ganzheit berühren zu dürfen. Und zu meiner Tür kommen Menschen mit verstümmelten Armen und Händen, ohne Beine, ohne Ohren, Gesichtslähmung oder fehlenden Organen (je nachdem, in welcher Schwangerschaftswoche der Wirkstoff Thaladomid auf das Entwicklungsstadium des Embryos eingewirkt hat). Ich staune über ihre unfassbaren Fähigkeiten, ihren Lebensmut und -willen. Wie selbstverständlich wird mit dem Fuß unterschrieben oder die Tasse zum Mund geführt. Eine Frau schreibt mir einen kleinen Brief mit ihrem Dank und ich kann nicht glauben wie ebenmäßig schön diese geschwungene Handschrift ist. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt den ich von ihren Alltagsbewegungen mitbekomme und ich kann nur erahnen wie viel Großartiges sie leisten und im Leben bewegen, wenn sie selbst Kinder groß gezogen haben und ihrem Beruf folgen.

Für diese Menschen ist Gesundheit nichts Selbstverständliches und mit den Körperbereichen, die heile sind, gehen sie sorgsam und liebevoll um, denn diese übernehmen im Alltag die führende Kraft.

 

All das zeigt…

 

Leben ist stärker als jede Verzweiflung

Neugeborene, die einen schweren Start haben, sind besonders widerstandsfähig und willensstark und setzten vielfach ungeahnte (Lebens-) Kräfte frei. Die „Contis“, wie sie sich selbst mit einem Augenzwinkern nennen, werden als behindert bezeichnet, doch für mich sind sie wahre Lebenskünstler und ein Vorbild. Sie überwinden jeden Tag aufs Neue beherzt und mutig Hindernisse und verlassen ihre Komfortzone – wir hingegen jammern bei jedem kleinen Pups der quer hängt. Dabei wachsen wir an unseren Herausforderungen, wenn aus dem tiefen Innern hervorbricht: „Jetzt erst recht – ich gebe nicht auf!“ Wie oft kommt es vor, dass Menschen, die alles haben, komplett gesund sind, die besten Voraussetzungen haben und dennoch miserabel mit sich selbst und ihren Ressourcen umgehen und Raubbau mit ihrer Gesundheit betreiben.

 

Was verbindet uns mit diesen Menschen?

Wir alle tragen Behinderungen, Blockaden, Ängste und Selbstzweifel in uns und die inneren Widerstände wollen beherzt und mutig transformiert werden. Ich frage im übertragenen Sinne: wo fehlen uns Arme und Hände, um ins Handeln zu kommen, Beine und Füße, um den nächsten Schritt zu wagen oder Ohren, um den wahren Sinn zu hören?

Wie erlebst du deine Vergangenheit, dein Schicksal? Bist du ein „Grünenthal-Opfer“ und lässt du immer noch zu, dass die Vergangenheit deine Gegenwart und deine Zukunft bestimmt und dich vergiftet?

 

Bedingungslose Liebe will fließen

Wie unfassbar schwer muss es für Eltern sein, die als „Betroffene“ der Werbung und den Ärzten vertraut haben – den „Tätern“ zu vergeben und ihre Kinder und sich selbst dennoch bedingungslos zu lieben? Und manche ringen vielleicht bis heute noch darum, mit ihren Kindern endlich erlösend darüber sprechen zu können?!

Der Schlüssel liegt in unserem Herzen. Lassen wir unsere Liebe dorthin fließen, wo noch keine ist, denn dort wird sie am meisten gebraucht. Bedingungslose Liebe bedeutet, dass du Liebe genau dorthin bringst, wo es dunkel ist. Vielleicht wird von dort keine Liebe zurückkommen, sie ist ja bedingungslos. Es gibt keine bessere Zeit als die heutige, um die Qualität der bedingungslosen Liebe zu entfalten. Wir alle sind in einem Boot auf dem Weg.

 

Die Reise in unsere Vollständigkeit

Wenn dir im Außen etwas „fehlt“ oder „mangelt“, selbst, wenn dir Arme und Beine fehlen mögen, sind und bleiben wir im Tiefsten Innern vollständig und heil. Doch immer wenn du beginnst, dich mit anderen Menschen zu vergleichen, hast du verloren. Wir werden blind, für das Original, das wir sind. Es gibt niemanden auf der Welt, der so ist wie du. Du bist absolut einzigartig. Dich zu vergleichen führt dazu, dass du deine Einzigartigkeit vergisst und anfängst den Weg von jemand anderem zu gehen, anstatt deinen eigenen unvergleichlichen Weg. Der Weg, der deine Talente und dein Geschenk für die Welt ans Licht holen wird. Hab den Mut, dich selbst zu sehen, als das wertvollste Wunder, das du bist. Für jeden von uns gibt es einen Platz und einen Weg auf dieser Welt. Du bist keine Kopie und du kannst von Niemandem ersetzt werden. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass du nicht das Leben, die Erwartungen oder die Träume von jemand anderem lebst, sondern dich auf die schönste Reise deines Lebens begibst – der Reise zu dir selbst.

 

Film-Empfehlung

„Contergan Eine einzige Tablette“ Drama D 2007“ (YouTube)

„Contergan: Die Eltern“ Ein Film von Andreas Fischer (Amazon)