„Wissen ist Macht“, unterstreicht in unserer leistungsorientierten Gesellschaft, dass wir auf alle Fragen möglichst schnell eine Antwort haben sollten. Das „Nichts“ hat einen schlechten Ruf. Etwas nicht zu wissen, ist unangenehm. Er gilt als ein Mangel oder Makel, den es möglichst schnell zu beheben gilt. Und „Von Nichts kommt nichts“, so lautet ein alter Glaubenssatz. Doch stimmt das wirklich?

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Der Ausspruch von Sokrates lässt uns gewahr werden, wie groß der Bereich dessen ist, was wir nicht wissen. Es scheint, als rage unser Wissen wie ein einsamer Fels aus einem Meer von Nichtwissen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass es gerade die Wissenschaft ist, die uns immer neue Bereiche des Nichtwissens eröffnet.

Können wir das „Nichtwissen“ als Schlüssel zur Weisheit erforschen? 

Ein einfaches Bild hilft uns, dem „Nichts“ ein Stück näherzukommen. Unser unaufhörlicher Gedankenstrom ist vergleichbar mit Paketen, die sich auf einem Laufband bewegen. Zwischen zwei Paketen ist immer eine Lücke. Lege deine Aufmerksamkeit auf die Lücke zwischen zwei Paketen, so verlässt du die Ebene der Gedanken. Fühle in den Raum, in die Lücke zwischen zwei Gedanken oder in die Lücke zwischen zwei Atemzügen, hinein. In dieser Lücke ist das Universum. Dort begegnest du deiner Quelle. Atme und spüre, wie gut sich diese Lücke anfühlt. Gebe nichts in diese Lücke hinein. Im Paradox der Leere erfahren wir die Fülle des All-Einen – die Quelle allen Seins. 

Betriebsamkeit überdeckt das „Nichtwissen“ und verhindert, dass wir bewusst werden. Schenke dir Momente der Stille. Leben entfaltet sich von innen nach außen. Es ist ein innerer Weg, der sich im Außen manifestiert – der im Außen seine Resonanzen zeigt. Lebe von innen nach außen. So bist du immer mit dir und deiner Quelle verbunden. So bist du auf allen Ebenen genährt. Atme und wisse, dass du immer auf allen Ebenen reich genährt bist.

Mein Weg in die Körperarbeit 

Wenn ich zurückdenke, war mein Methodendurst, als ich beruflich in die Körperarbeit einstieg, riesig. Ich habe tiefgreifende Erfahrungen gemacht und so wollte ich diesen Erfahrungsschatz, den Menschen, die in meiner Praxis kommen, ebenfalls ermöglichen. Natürlich wollte ich auch einen guten Job machen und wissen, was ich tue.  Als Therapeutin bin ich darauf bedacht, in meiner eigenen Entwicklung und Bewusstwerdung voranzugehen. Ich besuchte viele Fortbildungen, um mein Selbstverständnis zu vertiefen und meinen Klienten Erfahrungsreferenzen bieten zu können. 

Der Weg aus der Falle

Doch Perfektionismus und hohe Ansprüche an sich selbst mit einem ziemlich genauen Bild davon, was die Klienten brauchen oder (gar) wollen (sollen), ist eine Falle! Es gibt unbestritten Erfahrungen, die meinen ähneln und daher mitfühlend nachvollziehbar sind. Doch voreilig zu antizipieren, welcher der nächste Schritt für den Klienten der richtige ist, macht deutlich, dass wir mehr mit Vorstellungen und Konzepten beschäftigt sind, anstatt uns wirklich auf unser Gegenüber einzulassen. Mutig und voller Demut gebe ich immer wieder meine Rolle auf, es besser zu wissen und bin bereit, mich auf das „Nichtwissen“ einzulassen. Auf den Raum, wo du mehr über dich und deinen eigenen Körper weißt, als ich. Du bist mein Lehrer, von dem ich stets lernen kann! «Die Kraft des Arztes liegt im Patienten» (Paracelsus 1493–1541). Alles Wissen und alle Entwicklungsmöglichkeiten sind in dir vorhanden und dein System weiß, was es braucht. 

Ich lausche mit offenem Herzen und empfangenden Händen (auf die Gewebeantwort). Es ist nicht wichtig zu wissen, wie es geht. Bill Scholl sagte: „Wenn du weißt, wie es geht, gehen alle anderen Möglichkeiten für eine Lösung verloren. Wenn wir etwas lernen, wollen wir immer Antworten. Doch es sind die Fragen, die uns an einen interessanten Ort führen.“ 

Im Nichtwissen Selbstheilungskräfte aktivieren

Ich liebe Paradoxien und werde in meinem Leben immer wieder auf sie zurückgeworfen, so auch hier: Natürlich profitiert mein Klient von meinem Wissen und meinen Erfahrungen, auch dem, was ich methodisch nutzen kann. Doch wenn ich als Therapeutin unsicher oder ratlos wirke, weil ich meine, etwas wissen zu müssen, wirst du dich als mein Klient nicht sicher fühlen. Ich unterstütze deine Selbstwahrnehmung, so dass du mit der Weisheit deines Körpers in Berührung kommen kannst. Du bist dein eigener bester Spezialist, der die Wunder der Selbstheilungskräfte und die Antworten bereits in sich trägt.

Wenn ich in der Arbeit ein Ziel vor Augen habe, erzeugt das Spannung, einen bestimmten Fokus, eine Ausrichtung. Diese kann Führung geben und unterstützen, Kräfte und Konzentration bündeln. Sie kann genauso auch bremsen, verhindern und irreführen, wenn du einen anderen Weg oder ein anderes Tempo brauchst, als ich mir vorstelle. Es ist die Hingabe an die Erfahrung. Wenn ich mich als Therapeutin mit meinem Wollen aus dem Weg nehmen kann, ist mein Sein, nicht mein Tun die Einladung und du fühlst nicht mich oder meine Hände, sondern dich selbst in deinem tiefsten Wesenskern. 

Die Körpersignale verstehen

Wenn du über deine Körpersignale hinweggehst ist es mein Job, ihnen zuzuhören, den Fokus zu halten. Körperliche Spannungen und Körperhaltungen/Muster sind nicht zufällig da. Veränderung wird nur entstehen, wenn die Signale gelesen, gehört und bewusst gespürt werden. Es gibt nichts zu tun, außer zu atmen und zu fühlen. Und zu erkennen, dass immer Fluss, immer Bewegung da ist. Veränderung und Leben geschieht die ganze Zeit.

Entspanntes Nichtwissen setzt Vertrauen voraus – Vertrauen in den Prozess, Vertrauen ins Leben und in die Weisheit meines Gegenübers. Manchmal falle ich auf gewohnte Muster des Erfassen-, Kontrollieren- und Verstehen-Wollens zurück, doch Vertrauen ist die Schlüsselqualität. Es fällt mir immer leichter, nicht mehr auf den Zug aufzuspringen, dass ein Problem jetzt durch mich gelöst werden müsse. Vertrauen und Entspannung sind wunderbar ansteckende Qualitäten. 

Präsenz statt Dominanz

Im schlimmsten Fall ziehe ich jemanden in eine Richtung in die er oder sie gar nicht gehen will oder kann. Mein Gegenüber ist vermutlich irritiert und fühlt sich nicht wahrgenommen, gesehen, geschweige denn abgeholt oder begleitet. Der Druck, der im Klienten ohnehin vorhanden ist, wird unter Umständen sogar noch verstärkt und erzeugt Widerstand – oder aber der Klient verlässt sich selbst noch mehr, weil er sich auf meine Vorstellungen einlässt. Natürlich kann ich als Therapeutin eine Idee verfolgen, aber wenn sie nicht anklingt, und spätestens wenn auch eine zweite Idee nicht funktioniert, sollte ich die Ideenebene verlassen, mich (und meine Hände) leer machen, empfänglich und neugierig werden. 

Im therapeutischen Setting braucht es ein gewisses Selbstverständnis, einen Rahmen, manchmal ein Konzept. Das alles kann hilfreich sowohl für den Therapeuten als auch für den Klienten sein. Doch braucht es vor allem Einfühlung, Präsenz und Flexibilität und gerade in der energetischen, psychologisch orientierten Körperarbeit immer wieder die Bereitschaft, den eigenen Glauben über Bord zu werfen und offen zu sein für Wunder (damit meine ich überraschende Wendungen ohne bewusstes Zutun gemeint :-)).

 

Bildquelle: von Jan Cigánek auf Pixabay